Der Klick auf „Absenden“, einmal tief durch atmen und hoffen, dass die Gutachter verstehen, woran monatelang oder sogar jahrelang gearbeitet wurde. Nach wochenlangem Warten kommen die Gutachten. Gutachter 1 gibt konstruktives Feedback, aber Gutachter 2 scheint eine ganz andere Arbeit gelesen zu haben – er stellt Fragen, die am Thema vorbeigehen, und macht Anmerkungen, die Sie daran zweifeln lassen, ob wirklich die richtige Version des Manuskripts hochgeladen wurde. Warum ist es immer Gutachter 2?
Selbst als Nachwuchsforschende wird schnell gelernt, dass hinter jeder ausgefeilten Veröffentlichung eine Reihe von Überarbeitungen, Frustrationen und unerwarteten Umwegen steckt. Strukturelle Mängel im System prägen akademische Karrieren, insbesondere für Forschende ohne akademischen Hintergrund, denn eine einzige unfaire Begutachtung kann Veröffentlichungs- oder Fördermöglichkeiten blockieren, solange „publish or perish“ das Leitprinzip der Wissenschaft bleibt.
Derzeit stellt das Peer-Review-System insbesondere für Berufseinsteiger eine große Herausforderung dar. Überlastete Gutachter, fehlende Vergütung und minimale Anerkennung untergraben Fairness und Zuverlässigkeit. Eine unüberlegte Bewertung kann zeitaufwendige Arbeit zunichte machen und die Unsicherheit von Nachwuchswissenschaftler:innen noch verstärken. Infolgedessen verlieren viele talentierte Forschende in den frühen Karrierepahsen ihre Motivation oder verlassen die Wissenschaft ganz, was zu einem zunehmenden Braindrain beiträgt, der die Forschungslandschaft insgesamt schwächt.
Gleichzeitig verursachen neue digitale Formate, KI-gestützte Forschungspraktiken und datenintensive Methoden zusätzliche Belastungen, ohne dass vielerorts eine angemessene institutionelle Unterstützung vorhanden ist. Die enge Verknüpfung von Veröffentlichungen mit der Forschungsbewertung verstärkt die Unsicherheit zusätzlich, insbesondere für diejenigen mit befristeten Verträgen. Die Ideale der offenen Wissenschaft und open-access stehen oft im Widerspruch zu finanziellen, rechtlichen und organisatorischen Hindernissen, von denen Promovierende überproportional betroffen sind. Diese Entwicklungen unterstreichen die dringende Notwendigkeit systemischer Reformen, die Nachwuchsforschende in einer sich rasch wandelnden digitalen Landschaft schützen und stärken.
Die Forderung der DFG nach wissenschaftlich orientierten, transparenten und fairen Publikationsstrukturen weisen in eine hoffnungsvolle Richtung. Herausforderungen wie Marktkonzentration, Bewertung anhand von Kennzahlen und begrenzte Kontrolle über Publikationsdaten treffen Promovierende besonders hart. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse verstärken den Druck, schnell und strategisch zu publizieren. Wir unterstützen das Bestreben nach einer verantwortungsvollen Forschungsbewertung, vielfältigen Publikationsformaten und nicht-kommerziellen Infrastrukturen, die akademische Qualität vor Profit stellen.
Welche Erfahrungen hast du mit dem aktuellen Verlagssystem gemacht? Erzähl uns deine Geschichten oder Kritikpunkte in den Kommentaren oder schreib uns eine E-Mail.
Weitere Informationen finden sich in diesen Artikeln, die auch unseren Blogbeitrag hier inspiriert und beeinflusst haben.
1 The pitfalls of peer review – Alexandra Wilson in The Critic Magazine (2025)
2 The Precariousness of Academic Publishing in a Digital World – Pil Maria Saugmann in European Review (2024)
3 Wissenschaftliche Publikation: Was ist zu beachten? Maike Schade and Anke Wilde in academics (2024)
4 Academic Publishing as a Foundation and Area of Leverage for Research Assessment – DFG (2022)



